Über das Projekt

#AbleismusTötet ist ein journalistisches Rechercheprojekt zu Gewalt an Menschen mit Behinderungen. Auf Initiative der Menschenrechts- und Behindertenorganisation AbilityWatch e. V. hat ein großes interdisziplinäres Team drei Säulen entwickelt, um diesem Thema öffentlichkeitswirksam, aber zugleich wissenschaftlich fundiert auf der Website Ableismus.de zu begegnen:

  1. Eine Dokumentation von Gewaltfällen in vollstationären Wohneinrichtungen für behinderte Menschen, deren Analyse validiert und repräsentativ ist. Alle Gewalttaten wurden nach strengen journalistischen Kriterien einwandfrei recherchiert und präzise ausgewertet. Diese Analyse zeigt erstmalig in Deutschland das große Ausmaß von niedrigschwelliger bis hin zu schwerer psychischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt in Einrichtungen auf.
  2. Zusätzlich zu dieser Studie gibt es einen umfangreichen Ratgeber für Betroffene und Angehörige von Gewaltfällen, aber auch für Mitbewohnerinnen und Mitarbeiterinnen, die Gewalt an behinderten Personen in Einrichtungen beobachten oder anderweitig mitbekommen. In diesem Ratgeber werden einerseits Hilfsangebote und Beratungsstellen in allen Bundesländern aufgeführt. Andererseits empfiehlt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, was nach einer Gewalttat zu tun ist – und welche präventiven Vorkehrungen es gibt.
  3. Darüber hinaus werden 10 konkrete Maßnahmen vorgeschlagen, um die Situation in vollstationären Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen kurzfristig zu verbessern – und um das Unterstützungssystem der Behindertenhilfe aktiv und nachhaltig im Sinne der Förderung der Selbstbestimmung und Gewaltprävention von behinderten Menschen zu verändern.

Das interdisziplinäre Team aus Journalist*innen und Wissenschaftler*innen hat seine Arbeit im Juli 2021 begonnen. Die Website ist unter Einhaltung wichtiger Standards barrierefrei und enthält ergänzend eine Vertonung der Texte, professionelle Gebärdensprachvideos und eine alternative Fassung in der Leichten Sprache, um eine große und diverse Zielgruppe erreichen zu können.

Hintergrund

Ein Jahr vor der Veröffentlichung des journalistischen Rechercheprojekts #AbleismusTötet: Am 28. April 2021 ermordete eine Pflegehelferin im Potsdamer Oberlinhaus vier Menschen mit Behinderungen und verletzte eine weitere Person schwer. Die Gewalttat erregte deutschlandweit großes Aufsehen und wurde gleichzeitig und wie so oft relativiert. Im Juli 2021 ertranken zwölf Menschen mit Behinderungen in einer Wohneinrichtung durch das Hochwasser im rheinland-pfälzischen Landkreis Ahrweiler. Trotz der Vorwarnung wurde den Menschen nicht geholfen. Doch egal, wie oft über Gewalt an behinderten Menschen berichtet wird, man hört oder liest immer nur von angeblichen Einzelfällen – und verharmlost damit zutiefst die strukturelle, personale und auch kulturelle Gewalt, die unter dem Fachbegriff Ableismus zusammengefasst ist.

Ende 2021 wurde die Pflegehelferin wegen der Morde im Oberlinhaus schließlich zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der Ruf nach mehr Schutzmaßnahmen für Menschen mit Behinderungen war laut. Es könne nur besser werden, wurde vom Träger angekündigt, um die Öffentlichkeit zu beschwichtigen. Doch es ist fraglich, ob sich etwas ändern wird. Beispiele anderer Einrichtungen zeigen: Es ändert sich wenig bis gar nichts. Die Bedrohung bleibt – und die Gewalt begünstigenden Strukturen ebenso.

Tatsächlich ist Gewalt für behinderte Menschen ein stetiger Begleiter – jeden Tag und auf der ganzen Welt. Gewalttaten an Menschen mit Behinderungen werden in der Öffentlichkeit heruntergespielt und als Einzelfälle verharmlost, um keine Konsequenzen daraus ziehen zu müssen. Alleine im Jahr 2019 wurden 238 Straftaten im Kontext von behinderten Menschen in Wohneinrichtungen angezeigt. Die Anzahl steigt außerdem seit mehreren Jahren. Die Dunkelziffer in solch einem sensiblen Bereich dürfte auch noch deutlich über den verfolgten Straftaten liegen.

Weltweit unterscheiden sich die Zahlen in Bezug auf Gewalt an behinderten Menschen, doch bei einer Tatsache sind sich alle valide Studien und Forschungen einig: Menschen mit Behinderungen sind insgesamt um ein Vielfaches häufiger [1] von Gewalt betroffen als nicht behinderte Menschen. Manche Studien sprechen von einem zweieinhalbfach erhöhten Risiko [2], andere von einem zwei- bis vierfach erhöhten Risiko [3]. Frauen mit Behinderungen sind dabei den Studien zufolge im Vergleich zu Männern besonders gefährdet. 40 bis 70 Prozent der Frauen mit Lernschwierigkeiten sind noch vor ihrem 18. Lebensjahr von sexuellen Übergriffen betroffen [4]. Genaue Zahlen über die Anzahl nicht-binärer behinderter Menschen, die Gewalt erlebt haben, gibt es nicht. Auch binäre trans Personen werden in Studien und Kriminalstatistiken oft nicht abgefragt – und stehen so entweder im zugeordneten oder im richtigen Geschlecht.

Ein besonderer Risikofaktor für Gewalt an behinderten Menschen ist das Leben in stationären Wohneinrichtungen [2]. Die dort vorherrschenden strukturellen Gegebenheiten – wie fehlende Selbstbestimmung und Ableismus [Link Ableismus & Gewalt] – bieten Nährboden für Gewalt. Und gerade weil Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen der Behindertenhilfe besonders gefährdet sind, hat sich dieses Projekt vorerst auf Gewaltfälle in deutschen vollstationären Wohneinrichtungen seit 2010 konzentriert.

Recherche

Seit Juli 2021 recherchiert die Redaktion Gewaltfälle in ganz Deutschland, die seit 2010 passiert sind. Um dieses sensible Thema unabhängig und ohne fremden Einfluss aufarbeiten zu können, ist das journalistische Projekt #AbleismusTötet rein durch private Spenden finanziert. Eine Finanzierung über Wohlfahrtsverbände oder staatliche Stellen fand nicht statt. So war während der gesamten Zeit gewährleistet, dass das Team ohne jegliche Interessenskonflikte arbeiten konnte.

Unter hohen journalistischen Anforderungen und strengen ethischen Vorgaben verschaffte sich das interdisziplinäre Team zunächst einen Überblick über die Fälle, die es bereits in die Öffentlichkeit geschafft hatten. Unabhängig davon, ob ein Fall nur in einer kleinen Lokalzeitung publik gemacht oder deutschlandweit in der Presse diskutiert wurde, hat die Redaktion alle Fälle aufgenommen. Besondere Sorgfalt war in jedem Fall notwendig.

Journalistischer Anspruch

Um journalistisch und juristisch sauber auswerten zu können, müssen – sofern möglich – alle Seiten gehört werden. Die Journalist*innen des Projekts #AbleismusTötet nehmen daher Kontakt mit Betroffenen und Angehörigen auf. Aber auch die Einrichtungen selbst werden bei jedem einzelnen Fall kontaktiert und befragt: Gibt es Zeug*innen? Was sagen Mitbewohner*innen, was Mitarbeiter*innen und die Einrichtungsleitung zu der Gewalt in ihrem Haus? Was hat sich möglicherweise seitdem verbessert? Auch die Strafverfolgungsbehörden werden befragt. Welchen Ermittlungsstand hat die Polizei? Gibt es bereits eine Anklage? Hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen? Oder gibt es bereits ein Urteil?

Nicht selten stellte die Redaktion fest, dass die Tat zwar vorhanden und nachweisbar ist, aber die Täter*innen nicht ermittelt werden können oder die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen eingestellt werden. Für die Betroffenen ein doppelter Schlag mit schweren traumatischen Folgen. Es ist realistisch zu erwarten, dass sich nach der Veröffentlichung des Projekts weitere rechtlich nicht geklärte bzw. unbekannte Fälle ergeben werden. Menschen werden sich öffnen und ihre Ängste und Befürchtungen überwinden. Bereits vor der Veröffentlichung hat die Redaktion zahlreiche Nachrichten von Betroffenen in vollstationären Einrichtungen erhalten, die über Gewalterfahrungen berichten. Obwohl wir keine Personennamen von Betroffenen, Mitarbeiter*innen und mutmaßlichen Täter*innen veröffentlichen, befürchten viele allerdings Repressalien seitens der Einrichtung bzw. ihrer Mitarbeiter*innen, sollten sie enttarnt werden. Selbst den Einrichtungsnamen trotz glaubwürdiger Beweise zu nennen, trauen sich viele nicht.

Hoher Aufwand

Der redaktionelle Aufwand nur für einen einzelnen Fall ist riesig – und journalistische Rechercheprojekte in dieser Größenordnung und zu solch einem Thema gab es noch nie. Gleichzeitig ist allen Beteiligten klar, dass die Dunkelziffer hoch sein muss. Vor allem wegen des Machtgefälles und der Abhängigkeitsverhältnisse in solchen Einrichtungen werden die meisten Gewaltfälle nie öffentlich bekannt [5]. Wegen des Umfangs und der finanziellen und personellen Kapazitäten liegt der Fokus der Arbeit „nur“ auf vollstationären Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen und auf Fällen in Deutschland seit dem Jahr 2010. Es ist durchaus denkbar, zu einem späteren Zeitpunkt auch andere Orte (wie Behindertenwerkstätten oder Österreich und Schweiz) sowie ältere Fälle unter die Lupe zu nehmen.

Fehlende Hilfe

Während der Recherche dieser Gewaltfälle zeigte sich außerdem, dass es für behinderte Menschen, die von Gewalt betroffen sind, nur wenige Anlaufstellen gibt. Insbesondere für Menschen in stationären Wohneinrichtungen existieren nach unserer Recherche kaum niedrigschwellige und barrierearme Hilfsangebote. Niemand fühlt sich zuständig. Die Journalist*innen haben deshalb hunderte potenzielle Beratungsstellen in ganz Deutschland kontaktiert. Mithilfe eines detaillierten Fragenkatalogs versuchten sie herauszufinden, ob deren Angebote auch Menschen in stationären Wohneinrichtungen miteinbeziehen und ob diese Hilfsangebote barrierefrei oder zumindest barrierearm sind, sodass sie überhaupt von Menschen mit Behinderungen in Anspruch genommen werden können.

Forderungen an die Politik

Die Ergebnisse des journalistischen Rechercheprojekts #AbleismusTötet zu Gewaltfällen in vollstationären Wohneinrichtungen beweisen nicht nur, dass Gewalttaten an behinderten Menschen keine vermeintlichen „Einzelfälle“ sind. Sie zeigen darüber hinaus, dass es kaum externe und unabhängige Hilfsangebote und Beratungsstellen für die von Gewalt betroffenen Menschen gibt. Daher richten sich Menschenrechts- und Behindertenorganisationen mit einem detaillierten Katalog direkt an die Politik. Unabhängig von der journalistischen Recherchearbeit der Redaktion fordern die Organisationen, dass die Politik endlich Verantwortung übernimmt. Mit 10 Sofortmaßnahmen und weiteren langfristigen Maßnahmen wird aufgezeigt, was sich zwingend ändern muss, damit sich Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt vor Gewalt schützen können. Denn – und das ist keine Floskel – jeder Fall ist einer zu viel.

Über uns

Hinter dem journalistischen Rechercheprojekt #AbleismusTötet der Menschenrechts- und Behindertenorganisation AbilityWatch e. V. als Träger steckt ein großes und interdisziplinäres Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen, das sich im Sommer 2021 konstituierte. Mehr als die Hälfte des Kernteams sind Menschen mit Behinderungen und die Frauenquote liegt bei mehr als zwei Drittel. Neben Journalist*innen und Autor*innen haben u. a. Jurist*innen, Sozialarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen, Psycholog*innen, Erziehungswissenschaftler*innen, Therapeut*innen, Wirtschaftswissenschaftler*innen, Politolog*innen sowie Expert*innen zur Barrierefreiheit zu einer fachlich fundierten Entwicklung des Projekts beigetragen.

Das Team

Danke

Der Verein AbilityWatch e. V., der Träger dieses Rechercheprojekts #AbleismusTötet, dankt dem aus Haupt- und Ehrenamtlichen bestehenden Team für die tatkräftige und engagierte Arbeit sehr herzlich! Ein besonderer Dank gilt ebenfalls folgenden Personen und Institutionen:

Spenden

Hinweise

  • Einsendern von Hinweisen und Erfahrungsberichten, ohne die wir vielen Spuren und thematischen Hinweisen nicht hätten nachgehen können.

Mitunterzeichner

Weitere