Ableismus & Gewalt

Über Behindertenfeindlichkeit und Gewalt gegen behinderte und/oder chronisch kranke Personen

Die Diskriminierung und Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen und/oder chronischen Erkrankungen sind kein deutsches, europäisches oder ausschließlich westliches Phänomen. Ableismus tritt weltweit und schon sehr lange auf. Wie sich die Herabwürdigungen in Behindertenfeindlichkeit und Gewalt äußern, wie sie sich aufrechterhalten und welche Gewaltformen es gibt, erfahren Sie ausführlich in diesem Text.

1 Was ist Ableismus?

Beispiele für Ableismus, der historische Hintergrund und die richtige Aussprache des Fachbegriffs

Beispiele

Triggerwarnung: Im nachfolgenden Text werden verschiedene Formen von Gewalt näher beschrieben, was für manche Menschen – vor allem für die, die bereits Gewalt erfahren haben – zu einem wiederholten Erleben der traumatischen Situation führen kann.

Stellen Sie sich vor, dass Sie morgens nie wissen, ob Sie die Bahn oder den Bus zur Arbeit nehmen können. Denn es ist unklar, ob Ihnen jemand mit einer Rampe in den Zug hilft. Stellen Sie sich vor, Sie werden immer behandelt, als wären Sie eine Last für andere, als wären Sie Ihren Mitmenschen ständig etwas schuldig. Die Menschen um Sie herum sagen Ihnen, dass Sie alle anderen aufhalten, weil Sie länger zum Einsteigen brauchen. Oder sie signalisieren das unmissverständlich und abfällig mit Gestik und Mimik. Wenn Sie dann endlich im Zug oder im Bus sind, starren Sie alle an oder reden mit Ihnen, als wären Sie ein Kind.

Stellen Sie sich vor, Sie haben täglich extreme und unvorhersehbare Belastungen durch eine Erkrankung. Ständig müssen Sie sich dafür rechtfertigen, dass bestimmte Dinge auf der Arbeit oder im Privaten einfach anders geplant und gemacht werden müssen. Oft wird Ihnen zwischen den Zeilen vorgeworfen, Ihre Erkrankung als Vorwand zu nutzen, um zum Beispiel faul zu sein. Gleichzeitig wird aber paradoxerweise auch ständig angenommen, Sie seien weniger leistungsfähig.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten als erwachsene Person nicht entscheiden, wann Sie essen, duschen oder schlafen gehen. Stellen Sie sich vor, Sie bräuchten täglich Hilfe in intimen Situationen – und Sie könnten nicht selbst entscheiden, wer diese Hilfe stellt. Stellen Sie sich vor, in solchen Momenten wird über Ihre Bitten und Entscheidungen hinweggegangen, weil es „zu kompliziert“ oder „aufwendig“ sei oder weil eine angestellte Person denkt, dass sie Ihre Bedarfe und den Weg dorthin besser beurteilen könne als Sie selbst.

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer stationären Wohneinrichtung, weil Sie auf Hilfe angewiesen sind. Mit der Zeit erleben Sie nicht „nur“ den strukturellen Zwang und die Missachtung Ihrer Grenzen und Bedürfnisse. Sie erfahren auch absichtliche Demütigungen und Machtausübungen durch das Verweigern dringender Bedürfnisse. Sie werden beschimpft und erleben körperliche Gewalt wie Schläge oder Freiheitsentzug, um Sie gefügig zu machen.

Diese Beispiele aus dem Alltag von behinderten Menschen zeigen ein ableistisches Verhalten.

Geschichte

Behindertenfeindlichkeit ist vermutlich Diskriminierung in der Geschichte Quelle: „Geschichte des Umgangs mit Behinderung“; Urheberin: Lilian Masuhr; Sprache: Deutsch; Jahr: 2012; Format: Website; Online: https://leidmedien.de/geschichte/zur-geschichte-des-umgangs-mit-behinderung/ wie die Menschheitsgeschichte selbst und fremdbestimmte Bezeichnungen für behinderte Menschen gibt es wahrscheinlich ebenso lang. Der sozialwissenschaftliche Begriff, der diese Diskriminierung aufzeigt, lautet Ableismus. Auch wenn es schon früher entstand, verbreitete sich das Fachwort Ableismus besonders stark in der US-Behindertenrechtsbewegung der 1970er-Jahre. Ihre zentrale Forderung war das Recht auf ein selbstbestimmtes und gleichwertiges Leben als Mensch mit Behinderung. Dazu gehören neben der baulichen Barrierefreiheit auch der Zugang zu Bildung, Ausbildung, zur Berufswelt, zu existenzsichernden Leistungen und juristischer Gleichberechtigung.

Inspiriert wurde die Behindertenrechtsbewegung in den USA durch die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung in den 1950er-Jahren und die Frauenbewegung in den 1960er-Jahren. Auch in Deutschland entstand vor rund 50 Jahren eine Bewegung. Ende der 1970er-Jahre nannte sich dabei eine radikale Form der deutschen Behindertenrechtsbewegung „Krüppelbewegung“. Dabei ist „Krüppel“ eine bewusst gewählte Selbstbezeichnung, die auf die Diskriminierung durch ein bekanntes und provokantes Wort aufmerksam machen sollte. Das negativ besetzte Wort sollte den Nicht-Behinderten spiegeln, was sie über Menschen mit Behinderungen dachten. Es gilt als Erfolg der Behindertenrechtsbewegung, dass im Jahr 1994 der Artikel 3 des Grundgesetzes ergänzt wurde: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werdenQuelle: „Alles was recht ist.“; Urheberinnen: Aktion Mensch / Astrid Eichstedt und Stefanie Wulff; Sprache: Deutsch; Format: Artikel; Online: https://www.aktion-mensch.de/inklusion/recht/hintergrundwissen/recht-einstieg darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Dieses Gleichheitsgebot in Deutschland ist also gerade einmal rund 30 Jahre alt.

Diese emanzipatorische Bewegung von körperbehinderten Menschen sprach durch ihre KrüppelbewegungQuelle: „Die Krüppelbewegung – eine Emanzipationsbewegung der 1970er Jahre“; Urheberin: Susan Deniz Tümer; Sprache: Deutsch; Jahr: 2007; Format: Wissenschaftliche Hausarbeit; Online: https://www.grin.com/document/73595 offen an: „Ihr denkt, wir seien minderwertig, weil wir behindert sind.“ Genau das ist die Grundannahme von Ableismus.

Aussprache

Im englischen Original sagt man ableism und im Deutschen heißt es daran angelehnt: Ableismus. Dabei bildet es hierzulande eine ungewöhnliche sprachliche Komposition aus einem englischen und einem deutschen Wort. Zum einen haben wir das englische Adjektiv fähig, das bei diesem Fachwort nicht ins Deutsche übersetzt wird. Zum anderen haben wir die deutsche Endung Begriffserklärung „-ismus“Quelle: Wikipedia; Sprache: Deutsch; Format: Website; Online: https://de.wikipedia.org/wiki/-ismus#Ismen_als_Dogmata. Richtig ausgesprochen wird das Wortpaar In etwa: „Ey-Be-liss-muss“, wobei das „e“ in „Be“ schwach wie bei „bemerkenswert“ klingt..

Im nächsten Abschnitt „Was ist Diskriminierung?“ geht es um die unterschiedlichen Formen und Ebenen von Benachteiligung bzw. Herabwürdigung gegenüber behinderten Menschen.

2 Was ist Diskriminierung?

Ebenen von Diskriminierung, diskriminierende Elemente von Ableismus – und ist man behindert oder wird man behindert?

Wie Sie bereits unter „Was ist Ableismus?“ erfahren konnten, beschreibt der Begriff eine Denkweise über Menschen. Grundlage dieser Denkweise ist, was Menschen können: ihre Fähigkeit. Wenn jemand etwas nicht kann, weil sie/er behindert ist, ist die Person in dieser Denkweise weniger wert. Der Begriff Ableismus wird genutzt, wenn behinderte und/oder chronisch kranke Menschen unterschiedliche Formen von Benachteiligung erleben. Diskriminierungen sind dabei vielschichtig und können auf verschiedenen Ebenen vorkommen:

Ebenen von Diskriminierung

  • zwischen Menschen Diskriminierung: Diskriminierung im direkten sozialen Austausch zwischen Menschen. Zum Beispiel, wenn die Behinderung zum Anlass genommen wird, jemanden zu beleidigen oder wie ein Kind zu behandeln, obwohl sie/er erwachsen ist.
  • Strukturelle Diskriminierung: Diskriminierung durch Umweltbarrieren, die sich über eine lange Zeit entwickelt und verfestigt haben. Zum Beispiel: physisch erkennbare bauliche Barrieren. Strukturell können aber auch verbreitete Überzeugungen und Stereotype sein, die Teil unserer Kultur geworden sind. Dazu gehören zum Beispiel Gedanken wie „Behinderte sind schwach“ und „Behinderte sind unattraktiv“.
  • behördliche Diskriminierung: Diskriminierung durch den Staat, seine Organe, Gesetze bzw. Regeln und Behörden, zum Beispiel durch den fehlenden Mindestlohn in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Diese drei Ebenen von DiskriminierungQuelle: „Handbuch der Diskriminierung – Direkte und indirekte, institutionelle und strukturelle Diskriminierung“; Urheberin: Mechtild Gomolla; Sprache: Deutsch; Jahr: 2017; Format: PDF; Seite 133-155; Download: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-10976-9_9 bedingen und verstärken sich gegenseitig.

Diskriminierende Elemente von Ableismus

  • Element 1: Es wird angenommen, dass Menschen weniger wert sind, wenn sie körperlich/gesundheitlich nicht dem entsprechen, was als „Norm“ gilt.
  • Element 2: Ganze Gruppen von Menschen werden durch die Sortierung in Behinderte und chronisch Kranke sowie Nichtbehinderte und Gesunde sowie das Unsichtbarmachen von behinderten Menschen sozial ausgegrenzt.
  • Element 3: Menschen mit Behinderungen wird die Schuld an ihrer Situation und Ausgrenzung gegeben.

Element 1: „Der Mensch ist das wert, was er kann“

Beispiel

„Also, so würde ich nicht leben wollen!“ oder „Lieber würde ich sterben, als wie Sie im Rollstuhl zu sitzen!“ Das sind Aussagen, die im Alltag die Annahme widerspiegeln, dass ein Leben als Mensch mit Behinderung weniger wert sei als das eines nichtbehinderten Menschen. Und diese Form der Diskriminierung gibt es nicht erst seit Kurzem. Vielmehr hatte sie schon in der Zeit des Ableismus im NationalsozialismusQuelle: „Vor 80 Jahren: Beginn der NS-‚Euthanasie‘-Programme.“ Urheber: Bundeszentrale für politische Bildung; Sprache: Deutsch; Jahr: 2019; Format: Website-Artikel; Online: https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/295244/ns-euthanasie einen dramatischen Höhepunkt, durch den hunderttausende Personen mit Behinderungen ermordet wurden. Ein weiteres extremes Beispiel aus derselben Zeit für die Annahme der Minderwertigkeit ist die tausendfache ZwangssterilisationQuelle: „Tabu oder Normalität. Eltern mit geistiger Behinderung und ihre Kinder“; Urheberinnen: Pixa-Kettner, U. Bargfrede; Sprache: Deutsch; Jahr: 2006.; Format: Buch; ISBN: 3-8253-8328-8Quelle: „Frauen mit geistiger Behinderung werden zur Sterilisation gedrängt“; Urheberin: Yasmina Banaszczuk / Vice; Sprache: Deutsch; Jahr: 2017; Format: Artikel; Online: https://www.vice.com/de/article/43ndpn/selbstbestimmung-frauen-mit-geistiger-behinderung-zu-sterilisation-gedraengtQuelle: „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland.“; Urheber: Schröttle, Hornberg, Glammeier, Sellach, Kavemann, Puhe und Zinsmeister; Sprache: Deutsch; Jahr: 2012; Seiten 60-64; Format: PDF; Download: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/94204/3bf4ebb02f108a31d5906d75dd9af8cf/lebenssituation-und-belastungen-von-frauen-mit-behinderungen-kurzfassung-data.pdf von behinderten Menschen Auch Menschen, die sich nicht als weiblich identifizieren, können einen Uterus haben, zum Beispiel non-binäre und Trans*-Personen. Die Darstellung, dass nur weibliche Personen einen Uterus haben, ist deshalb verkürzt und diskriminierend. Übrigens: Auch heute noch gibt es – trotz Gesetzesänderungen – noch unfreiwillige Sterilisation, wenn auch nicht in dem Ausmaß.

Erklärung

Dieses Element der Diskriminierung basiert darauf, dass Menschen danach Bewertung durch AbleismusQuelle: „Was heißt Ableism? – Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft“; Urheberin: Rebecca Maskos; Sprache: Deutsch; Jahr: 2010; Format: Artikel; Online: https://rebecca-maskos.net/2010/12/02/was-heist-ableism-uberlegungen-zu-behinderung-und-burgerlicher-gesellschaft/ werden, wie sie sind und was sie für körperliche und geistige Fähigkeiten im Vergleich zum Durchschnitt – also was die Gesellschaft als vermeintliche „Norm“ sieht – leisten können. Behinderte Menschen weichen von dieser Norm ab, deswegen gelten sie als nicht „perfekt“, sondern Nicht perfekt, sondern minderwertigQuelle: „Ableism und das Ideal des autonomen Fähig-Seins in der kapitalistischen Gesellschaft“; Urheberin: Rebecca Maskos; Sprache: Deutsch; Abschnitt 2; Format: Artikel; Online: https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/277/260#:~:text=Wenn%20die%20australische%20Disability%20Studies,spezientypisch%20und%20deshalb%20essentiell%20und. Öfters werden behinderte Menschen so dargestellt, als sei ihr Leben „Behindertes Leben ist weniger wert und muss geheilt werden“Quelle: „Not worth keeping alive? News framing of physician-assisted suicide in the United States and Great Britain.“ Urheber: Haller, B. and Ralph, S.; Sprache: Englisch; Jahr: 2001 und dass ihre Behinderung geheilt werden müsste, damit sie genauso viel wert wie ihre nichtbehinderten Mitmenschen sind.

Fazit

Bei der Annahme, dass Menschen mit Behinderungen aufgrund von vermeintlich fehlenden Fähigkeiten weniger wert seien, wird nicht anerkannt, dass die Gründe für Behinderungen komplex sind. Wie definiert man denn, ob eine Person etwas wirklich nicht kann? Und auch, wodurch jemand behindert ist, ist nicht immer leicht zu beantworten. Was ein Mensch kann oder nicht kann, definiert nicht den Wert der Person.

Element 2: „Sie gehören hier nicht hin und wir wollen Sie nicht sehen.“

Beispiel

Wussten Sie, dass Menschen mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen meistens gar nicht erst ins Kino gehen, weil kaum ein Film mit Untertiteln oder Die Beschreibung von visuellen Inhalten eines Films in Lautsprache. Ein Verfahren, das blinden und sehbehinderten Menschen ermöglichen soll, visuelle Vorgänge besser wahrnehmen zu können. gezeigt wird? Hörbehinderte und sehbehinderte Menschen wissen um diese Barrieren, gehen in der Konsequenz nicht ins Kino und werden so gar nicht als potenzielle Kinobesucher*innen sichtbar. Dadurch sehen Kinobetriebe nicht die Notwendigkeit zum Abbau dieser Barrieren, da die vorhandene Nachfrage durch die Barrieren unsichtbar gemacht wird.

Auch das passiert nicht erst in den letzten Jahren. Menschen wurden mit Behinderungen lange Zeit versteckt und in separaten Institutionen untergebracht, die sich meistens außerhalb oder am Rande der Städte befanden. So kamen sie im gesellschaftlichen Leben kaum vor. Wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung vorkamen, dann oft im Kontext von öffentlichem Zur-Schau-Stellen auf Jahrmärkten etc., was einen Diskriminierung in der GeschichteQuelle: „Geschichte des Umgangs mit Behinderung“; Urheberin: Lilian Masuhr; Sprache: Deutsch; Jahr: 2012; Format: Artikel; Online: https://leidmedien.de/geschichte/zur-geschichte-des-umgangs-mit-behinderung/ Charakter hatte.

Erklärung

Dieses diskriminierende Element konzentriert sich auf die soziale Komponente von Ableismus. Menschen mit Behinderungen werden hier von vielen sozialen Aktivitäten ausgeschlossen und ihre Bedürfnisse werden nicht berücksichtigt, was gleichzeitig dazu führt, dass sie gar nicht erst gesehen werden. Sie können nicht gleichberechtigt das gesellschaftliche Miteinander mitgestalten. Das bedeutet, sie dürfen nicht mitentscheiden, wie wir zusammenleben. Wussten Sie, dass Menschen mit Behinderungen in Deutschland bis 2019 sogar Wahlrecht für BetreuteQuelle: „Wahlrecht für betreute Menschen gilt bereits zur Europawahl.“; Urheber: Wolfgang Janisch; Sprache: Deutsch; Jahr: 2019; Format: Artikel; Online: https://www.sueddeutsche.de/politik/menschen-betreuung-wahlrecht-1.4411713 durften, wenn sie unter gesetzlicher Vollbetreuung standen?

Fazit

Der Teufelskreis aus sozialer Ausgrenzung und Unsichtbarkeit durch die Sortierung in Behinderte und Nichtbehinderte ist schwer zu durchbrechen. Nur, wenn Menschen mit Behinderungen stärkere Teilhabemöglichkeiten in allen Bereichen des Lebens bekommen und das Machtgefälle abgebaut wird, werden alle Bedarfe und Ansprüche sichtbar – und alle können mitgestalten, wie die Gesellschaft zusammenleben soll.

Element 3: „Sie haben Schuld.“

Beispiel

„Geht das auch ein bisschen schneller? Ich muss zur Arbeit!“, erhebt die Person hinter Ihnen die Stimme. Sie sind mit Ihrem Rollstuhl gerade auf der Rampe, um wie alle in den Bus einzusteigen. Auch Sie müssen zur Arbeit. Doch der Person hinter Ihnen geht es nicht schnell genug. Eine typische Situation für viele Rollstuhlfahrende. Sie werden immer wieder von Angestellten oder Mitfahrenden dafür kritisiert, den Verkehr aufzuhalten. Das führt des Öfteren dazu, dass die behinderte Person sich selbst und ihrer Behinderung ständig die Schuld für die Meckerei anderer gibt. Oder sie fühlt sich oft so, als würde sie dem Umfeld zur Last fallen. Schuld, Scham und das eigene Herabwürdigen sind eine häufige Folge von Ableismus.

Erklärung

Dieses diskriminierende Element basiert darauf, dass die Gesellschaft einerseits ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Behinderung als Merkmal immer etwas Schlechtes ist. Außerdem trägt hier die behinderte Person alleine die „Behindertes Leben ist weniger wert und muss geheilt werden“Quelle: „Not worth keeping alive? News framing of physician-assisted suicide in the United States and Great Britain.“ Urheber: Haller, B. and Ralph, S.; Sprache: Englisch; Jahr: 2001 für ihre Einschränkungen durch die Behinderung. Es wird – wie selbstverständlich – davon ausgegangen, dass die Probleme nur deshalb überhaupt existieren, weil die Person behindert ist. Die Gesellschaft bewertet die Behinderung und fühlt sich nicht dafür verantwortlich, Probleme zu lösen, die mit der Behinderung zu tun haben. Hier wird auch ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Gedanken der Inklusion im Vergleich zur Integration deutlich: Bei der Idee der Integration ist immer das bisher außenstehende Individuum in der Verantwortung, sich anzupassen bzw. sich zu integrieren, während Unterscheidung Inklusion / IntegrationQuelle: „Inklusion und Integration“; Urheber: VdK Bayern; Sprache: Deutsch; Format: Artikel; Online https://www.vdk.de/bayern/pages/26741/inklusion_und_integration?dscc=ok als gemeinsame Aufgabe betrachtet wird, bei der sich das gesamte System ändert.

Fazit

Es ist eine Form von Ableismus, immer und in allen Bereichen des Lebens davon auszugehen, dass Behinderung etwas Schlechtes ist und ausschließlich Nachteile hat. Dazu gehört auch die Ansicht, dass die Person mit Behinderung selbst die Schuld daran trägt, dass sie benachteiligt wird. Nachteilsausgleiche werden deshalb von nicht-betroffenen Personen häufig nicht verstanden und als „Vorteil“ fehlinterpretiert. Nachteile auszugleichen ist die Aufgabe der gesamten Gesellschaft und nicht die der einzelnen Person.

Als Nächstes lesen Sie im Abschnitt „Ist oder wird man behindert?“ mehr über das medizinische, soziale, kulturelle und menschenrechtliche Modell von Behinderung.

3 Ist oder wird man behindert?

Medizinisches Modell, soziales Modell, kulturelles und menschenrechtliches Modell von Behinderung

Eng mit der vorangegangenen Frage „Was ist Diskriminierung?“ zusammenhängend ist der Blickwinkel, wie und was als eine Behinderung angesehen wird. Es gibt verschiedene Definitionen von Behinderung. Die vier wichtigsten Betrachtungsweisen sind die nachfolgenden:

Medizinisches Modell von Behinderung

Das Medizinisches Modell von BehinderungQuelle: „Modelle von Gesundheit und Krankheit“; Urheberin: Alexa Franke; Sprache: Deutsch; Jahr: 2010; Seite 16; Format: Buch; ISBN: 978-3-456-95120-1 Modell von Behinderung ist ein älteres Modell, das Behinderung als körperliche Schädigung oder Defekt sieht. Strukturelle Barrieren durch die Umwelt werden von der Gesellschaft nicht als das Problem anerkannt. Die einzelne behinderte Person muss selbst Lösungen finden. Die Lösung ist dabei immer, dass der einzelne Mensch einen Weg finden muss, sich an die Umgebung und ihre Norm anzupassen. Nach diesem Modell sind Menschen behindert.

Soziales Modell von Behinderung

Das Soziales Modell von BehinderungQuelle: „Disability Studies: Individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?“; Urheberin: Waldschmidt, Anne; Sprache: Deutsch; Jahr: 2005; Format: PDF; Seite 17f.; Download: https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/1877/ssoar-psychges-2005-1-waldschmidt-disability_studies_individuelles.pdf?sequence=1&isAllowed=y&lnkname=ssoar-psychges-2005-1-waldschmidt-disability_studies_individuelles.pdf Modell von Behinderung ist moderner. Es versteht Behinderung als eine neutrale Eigenschaft von Menschen. Manche Eigenschaften gehen in der Gesellschaft mit mehr oder weniger Möglichkeiten, Einfluss, Chancen und Ressourcen einher. Dieses Modell geht davon aus, dass man im Vergleich zu nichtbehinderten Personen schlechtere Voraussetzungen hat, wenn man eine Behinderung hat. Zusätzlich steht in diesem Modell die ganze Gesellschaft in der Verantwortung, eine Teilhabe von behinderten Menschen zu ermöglichen und Barrieren abzubauen. Nach diesem Modell werden Menschen von außen behindert.

Kulturelles Modell von Behinderung

Das Kulturelles Modell von BehinderungQuelle: „Das kulturelle Modell von Behinderung“; Urheberin: Pia Grochar; Sprache: Deutsch; Jahr: 2020; Format: Artikel; Online: https://dista.uniability.org/glossar/das-kulturelle-modell-von-behinderung/ Modell von Behinderung geht noch einen Schritt weiter: Es versucht die Kategorisierungen von Menschen in die Aufteilung „nicht behindert“ und „behindert“ aufzuheben. Das Modell hinterfragt dabei den Begriff der „Normalität“. Dabei wird kritisiert, dass die Gesellschaft homogene Gruppen zu bilden versucht, die dann hierarchisiert werden. Im Gegensatz zu dieser Hierarchisierung stellt das kulturelle Modell den Anspruch, dass behinderte und chronisch kranke Menschen erst dann vollständige Teilhabe erleben können, wenn die Gesellschaft nicht mehr automatisch davon ausgeht, dass ein Leben mit einer Behinderung ein Problem darstellt, sondern als eine weitere Lebensweise anerkannt wird.

Menschenrechtliches Modell von Behinderung

Das Menschenrechtliches Modell von Behinderung„Die UN-Behindertenrechtskonvention – ein neues Verständnis von Behinderung.“ aus „Handbuch Behindertenrechtskonvention: Teilhabe als Menschenrecht – Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe“; Urheberinnen: Theresia Degener und Elke Diehl; Herausgeber: Bundeszentrale für Politische Bildung, Seiten: 55 bis 74; ISBN: 978-3-8389-0506-8 Modell von Behinderung ist – wie das kulturelle auch – eine Weiterentwicklung des sozialen Modells. Die gemeinsame Grundlage ist die Annahme: Menschen werden behindert. Der Grund wird hier aber nicht bloß in den Barrieren aus der Umwelt gesehen. Denn diese Barrieren führen laut dem Modell dazu, dass behinderte Menschen ihre Rechte nicht bzw. nicht vollständig wahrnehmen können. Diese fehlende Wahrnehmung von Rechten hindert sie an der Teilhabe und behindert sie. Grundlage des menschenrechtlichen Modells ist die UN-Behindertenrechtskonvention. Dort wurde festgehalten, dass jede Person rechts- und handlungsfähig ist. Sie darf deshalb nicht wegen der Behinderung in ihren Rechten eingeschränkt werden. Außerdem wird dort festgehalten, dass Behinderung als Teil von menschlicher Diversität wertgeschätzt werden sollte. Laut dem Modell ist es die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, die Bedingungen so zu verändern, dass jeder Mensch ihre/seine Rechte wahrnehmen kann.

Hinweis

Oft vermischen sich individuelle Einschränkungen der Person mit den Barrieren aus der Umwelt und bedingen sich dadurch gegenseitig. Es sind somit Misch-Modelle entstanden, die sowohl medizinische als auch soziale Aspekte einbezieht, anstatt auf einem der beiden zu beharren. Deswegen gibt es behinderte Menschen, die von sich selbst sagen, dass sie sowohl behindert sind als auch von außen behindert werden.

Im folgenden Abschnitt „Was ist Gewalt?“ werden die verschiedenen Formen von Gewalt erklärt und welche strafrechtliche Relevanz sie haben. Auch über das erhöhte Gewaltrisiko in stationären Wohneinrichtungen werden Sie informiert.

4 Was ist Gewalt?

Personale, strukturelle und kulturelle Gewalt, die strafrechtliche Relevanz von Gewalt und Einrichtungen als Risikofaktor

In den vorangegangenen Texten konnten Sie nachlesen, welche Modelle es von Behinderungen gibt, was Ableismus ist, welche Diskriminierungsformen vorhanden sind und ob man behindert ist oder behindert wird. Ableismus äußert sich in Gewalt. Dabei beschreibt der Begriff Was ist Gewalt?Quelle: „Was ist Gewalt?“; Urheber: Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales.; Sprache: Deutsch; Format: Artikel; Online: https://bayern-gegen-gewalt.de/gewalt-infos-und-einblicke/was-ist-gewalt/ jede Form des körperlichen oder seelischen Zwangs. Es wird unterschieden zwischen personaler, struktureller und kultureller Gewalt.

Triggerwarnung: Im nachfolgenden Text werden verschiedene Formen von Gewalt näher beschrieben, was für manche Menschen – vor allem für die, die bereits Gewalt erfahren haben – zu einem wiederholten Erleben der traumatischen Situation führen kann.

Personale Gewalt

Personale Gewalt geht direkt von Täter*innen aus und kann körperliche sowie psychische bzw. seelische Folgen haben. Körperliche Verletzungen können zum Beispiel durch körperliche Angriffe wie Schläge oder sexuelle Übergriffe auftreten. Aber auch bei Vernachlässigung oder dem Festziehen der Rollstuhlbremse ohne die Einwilligung der/des Betroffenen. Personale Gewalt kann bis zum Mord führen. Zu seelischen bzw. psychischen Folgen von Gewalt kann es beispielsweise bei Mobbing, Bestrafung oder Isolation kommen. Körperliche und seelische Gewalt schließen sich nicht gegenseitig aus. Vielmehr wirken sie in vielen Fällen zusammen: Seelischer Stress wirkt sich auf den Körper aus [14] und auch körperliche Gewalt beeinflusst die Psyche [15].

Strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt wirkt indirekt. Sie passiert immer dort, wo gesellschaftliche Strukturen zu einer Benachteiligung [16] führen, zum Beispiel bei wirtschaftlichen Interessen, wenn Menschen mit Behinderungen aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, in eine Einrichtung zu ziehen, obwohl sie gerne allein wohnen würden. Auch fehlender Zugang zu Orten oder zu Ressourcen wie Information, Bildung, einem guten Arbeitsplatz oder finanzieller Sicherheit sind Beispiele struktureller Gewalt, wenn sie über einen langen Zeitraum eine bestimmte Personengruppe betreffen. So arbeiten signifikant viele behinderte Menschen in spezialisierten Werkstätten oder besuchen sogenannte „Förderschulen“, weil ihnen die gleichberechtigte Teilhabe an Arbeit und Bildung verwehrt bleibt.

Dazu gehören auch die starke Einschränkung der Selbstbestimmung von Bewohner*innen in vollstationären Wohneinrichtungen und das damit einhergehende Risiko, von Gewalt betroffenen zu sein. [35] Das Wort strukturell kommt daher, dass sich diese Umstände über eine lange Zeit in unserer Gesellschaft verfestigt haben und somit zur „Struktur unseres Miteinanders“ geworden sind. Von Gewalt spricht man hingegen dann, wenn die Betroffenen durch die Struktur gezwungen sind, etwas zu machen oder zu lassen und nicht frei nach ihrem Willen entscheiden können. Die mangelnde Selbstbestimmung, die durch strukturelle Gewalt entsteht und aufrechterhalten wird, schafft Abhängigkeiten, Machtgefälle und Fremdbestimmung, die den Nährboden für personale Gewalt produzieren.

Kulturelle Gewalt

Kulturelle Gewalt sind die Aspekte einer Kultur, die dafür genutzt werden können, personale und strukturelle Gewalt zu rechtfertigen, also eine scheinbare Begründung oder Entschuldigung für Gewalt [17] zu liefern. Das können gewaltverherrlichende Symbole, Lieder und Ideologien sein. Das können im Alltag aber auch verbreitete Vorurteile und Stereotype gegenüber bestimmten Personengruppen sein. Kulturelle Gewalt ist eng mit der strukturellen Gewalt verknüpft. Der Grund hierfür ist, dass Kultur Teil unserer gesellschaftlichen Struktur ist.

Strafrechtlich relevante Gewalt

Körperliche Gewalt ist in Deutschland eine Straftat. Es wird unterschieden in [18]

  • leichte Körperverletzung
  • einfache Körperverletzung
  • gefährliche Körperverletzung
  • schwere Körperverletzung
  • Körperverletzung mit Todesfolge
  • Beteiligung an einer Schlägerei
  • Misshandlung Schutzbefohlener

Auch sexuelle bzw. sexualisierte Gewalt ist strafbar. [Unterschied FAQs] [18] Darunter versteht man jede sexuelle Handlung, die gegen den Willen der/des Betroffenen durchgeführt wird. Dazu gehört sexueller Missbrauch, sexuelle Übergriffe, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Psychische Gewalt lässt sich vor dem Gesetz schwerer nachweisen. Jedoch gibt es eine Ausnahme: § 225 StGB thematisiert seelische Gewalt im Zusammenhang mit der Misshandlung Schutzbefohlener. Wenn Schutzbefohlene seelische Gewalt durch eine Person, der sie anvertraut wurden, erfahren, ist dies strafbar. [18] Das gilt auch bei Gewalt an Menschen mit Behinderungen durch Mitarbeiter*innen einer Einrichtung.

Viele Formen seelischer Gewalt sind in Deutschland Antragsdelikte. [19] Das bedeutet, sie werden nur verfolgt, wenn die verletzten Personen selbst oder ihre gesetzliche Vertreter*innen einen Strafantrag stellt. Dem entgegen stehen Offizialdelikte [19]. Diese Taten besitzen öffentliches Interesse und müssen deswegen verfolgt werden, sobald sie der Polizei bekannt werden. Dazu gehören zum Beispiel [19] sexuelle Nötigung und Vergewaltigung (§ 177 StGB), gefährliche und schwere Körperverletzung (§§ 224, 226 StGB), Mord und Totschlag (§§ 211, 212 StGB) oder Freiheitsberaubung (§ 239 StGB). Darüber hinaus gibt es als relatives Antragsdelikt [19] noch eine Mischform aus Antrags- und Offizialdelikt, wenn ein besonderes öffentliches Interesse zur Aufklärung besteht. Zum Beispiel bei vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung (§ 223, § 229, § 230 StGB).

Einrichtungen als Risikofaktor

Menschen mit Behinderungen in stationären Wohneinrichtungen haben im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt [20] ein deutlich erhöhtes Risiko, von Gewalt betroffen zu sein. Frauen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen sind vorliegenden Untersuchungen zufolge besonders gefährdet. Meistens stehen die Betroffenen den Menschen, die Gewalt ausüben, nahe. Bei sexueller bzw. sexualisierter Gewalt kennen und vertrauen bis zu 99 Prozent [21] der Betroffenen die/den Täter*in. Besonders häufig findet man Studien zu sexualisierter Gewalt, doch neben dieser können Menschen mit Behinderungen von jeder weiteren Gewaltform bedroht sein.

Gründe für die häufige Betroffenheit von Menschen mit Behinderungen [22] von Gewalt:

  • Physische und verbale Unterlegenheit (Aber: Das bedeutet nicht, dass die Abwehr eines Übergriffs durch verbale oder physische Gewalt automatisch und immer gelingt. Es heißt auch nicht, dass die Schuld des Übergriffs bei einem „zu schwachen Opfer“ liegt. Betroffene sind nicht schuld an erfahrener Gewalt! Die Verantwortung für die Gewalt liegt bei den Täter*innen.)
  • Weite Verbreitung ableistischer Auffassungen, Vorurteile und Stereotype
  • Aufrechterhaltung eines Machtgefälles zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen
  • Hohes Maß an Fremdbestimmung des Alltags von Menschen mit Behinderungen (insbesondere in Einrichtungen)
  • Beengte Verhältnisse, fehlende Privatsphäre und die intime und enge Zusammenarbeit mit oft unterbesetztem Pflegepersonal [23]. Dieses kann laut eigenen Angaben die Bedarfe der Menschen mit Behinderungen oft nicht mehr decken [24], was einer Vernachlässigung gleichkommt und bereits als Gewalt definiert wird.
  • Betroffenheit von Mehrfachdiskriminierung beispielsweise durch Geschlecht, Herkunft oder Religion. In Fachkreisen spricht man auch von intersektioneller Diskriminierung [ERKLÄRUNG].
    Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie Behindertenfeindlichkeit und Gewalt miteinander zusammenhängen.
5 Wie hängen Ableismus & Gewalt zusammen?

Wie bedingen sich Behindertenfeindlichkeit und Gewalt gegenseitig? Und was sagt die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen dazu?

In den Abschnitten zuvor konnten Sie nachlesen, woher Ableismus kommt, welche Diskriminierungsformen es gibt und wie Gewalt definiert wird. Nachfolgend erfahren Sie, wie Behindertenfeindlichkeit und Gewalt miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen.

Ableismus ist strukturelle Gewalt.

Schon die andauernde Abwertung, Fremdbestimmung und Ausgrenzung durch Barrieren lässt sich als strukturelle Gewalt begreifen. Diese dauerhafte Gewalterfahrung wirkt sich auch auf die körperliche und psychische Gesundheit von chronisch kranken und/oder behinderten Menschen aus. Die konkreten Folgen sind vielfältig und zeigen sich zum Beispiel auch durch Scham, Schuld, Selbsthass, soziale Isolierung und das Verstecken der eigenen Behinderungen [25] [27].

Ableismus verletzt die Menschenwürde.

Durch ein ableistisches Menschenbild werden Personen mit Behinderungen als minderwertig angesehen. Das wird als Rechtfertigung genutzt, Menschen mit Behinderungen respektlos zu behandeln oder ihnen Gewalt anzutun. Tatsächlich verursacht und fördert Ableismus nachweislich [26] verschiedenste Formen von personaler und struktureller Gewalt an chronisch kranken und/oder behinderten Menschen mit Behinderungen.

Ableismus ist auch Gewalt gegen sich selbst.

Da behinderte und/oder chronisch kranke Menschen selbst in einer ableistischen Welt aufgewachsen sind, haben sie oft die Vorstellung der Minderwertigkeit verinnerlicht („internalisierter Ableismus“) [27]. Dadurch entstehen Gefühle von Schuld, Scham und Selbsthass, was zu Gewalt gegen sich selbst führen kann, beispielsweise in Form von Vernachlässigung, Selbstbestrafung oder Selbstabwertung. Durch diesen internalisierten Ableismus [FAQ.[37]] fällt es Menschen mit Behinderungen zusätzlich schwer, Rechte einzufordern, Grenzen aufzuzeigen [28] und sich gegen Formen von Gewalt zu wehren.

Ableismus versperrt den Weg zu Hilfe.

Ableismus macht chronisch kranke und/oder behinderte Menschen und deren Bedürfnisse unsichtbar und verhindert politische Teilhabe (siehe Element 2: Soziale Ausgrenzung). Dies führt dazu, dass es nicht annähernd genügend Beratungs- und Unterstützungsstrukturen gibt, die barrierefrei funktionieren. Diese Strukturen sollten Fällen von Gewalt vorbeugen oder zumindest eine nachträgliche Schutzfunktion übernehmen können. Dass dieses Hilfesystem in vielen Bereichen große Defizite hat, wird in Berichten und Studien [29] zum Thema Gewalt an behinderten Menschen immer wieder deutlich.

Die seit 2009 geltende Behindertenrechtskonvention [30] der Vereinten Nationen weist in Artikel 6 darauf hin, dass gerade für Frauen und Mädchen [Die UN-BRK legt hier ein binäres Geschlechterverständnis zugrunde.] mit Behinderungen Maßnahmen ergriffen werden müssen, „um zu gewährleisten, dass sie alle Menschenrechte und Grundfreiheiten voll und gleichberechtigt genießen können.” Artikel 16 führt auf, dass explizit geeignet Maßnahmen ergriffen werden müssen „um jede Form von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch zu verhindern, indem sie unter anderem geeignete Formen von [...] Hilfe und Unterstützung für Menschen mit Behinderungen [...] gewährleisten.”

Nicht zuletzt greifen auch die Forderungen [LINK] dieses Projekts #AbleismusTötet ableistische Gewaltstrukturen und die nicht vorhandenen Abwehr- und Hilfsstrukturen auf.

Zum Schluss im Abschnitt „Fazit“ lesen Sie eine Zusammenfassung und Auswertung der wichtigsten Punkte zu „Ableismus & Gewalt“.

6 Fazit

Zusammenfassung und Einschätzung zu Ableismus & Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen

Ableismus führt zu mangelndem Respekt und fehlender Augenhöhe im Umgang mit behinderten und/oder chronisch kranken Menschen. Es ist ein jahrtausendealtes Verständnis von überholten Normen. Dieses Verständnis basiert auf der falschen Annahme der Minderwertigkeit behinderter und/oder chronisch kranker Menschen durch vermeintlich fehlende Fähigkeiten. Dies wird noch heute genutzt, um Machtmissbrauch und Gewalt gegenüber behinderten und/oder chronisch kranken Menschen zu rechtfertigen. Dabei wird das Überwinden von Barrieren individualisiert, also auf die Einzelperson „abgeschoben“. Die strukturellen Barrieren und die daraus folgende gesellschaftliche Verantwortung werden dabei gar nicht oder nicht ausreichend anerkannt.

Ableismus wird in drei wesentlichen gesellschaftlichen Elementen deutlich: 1. Zentral im Ableismus existiert die falsche Grundannahme, dass behindertes Leben an sich und in seiner Hierarchisierung zu einer „Norm“ minderwertig sei. 2. Des Weiteren beinhaltet Ableismus auch den gesellschaftlichen bzw. sozialen Ausschluss von behinderten und/oder chronisch kranken Menschen. Dabei wird diese Gruppe aus der gesellschaftlichen Mitte herausgedrängt und mit ihren Bedarfen und Ansprüchen unsichtbar gemacht. 3. Als drittes Element vermittelt das ableistische System Menschen mit Behinderung dauerhaft, sie seien schuld an den Barrieren der Teilhabe und eine Last für die Gesellschaft.

Wenn Betroffene diese Sichtweisen unbewusst verinnerlichen, spricht man unter anderem von internalisiertem [ERKLÄRUNG] Ableismus. Dieses zerstörerische Selbstbild macht sie zusätzlich anfällig und verletzlich für Gewalt. Diese Gewalt kann personal und direkt sein. Sie ist aber oft eingebettet in ein System von struktureller Diskriminierung, die behinderten Menschen ihrer Selbstbestimmung beraubt und den Zugang zu wichtigen Ressourcen verwehrt. Zu diesen Ressourcen gehören zum Beispiel der Zugang zu Bildung, der Zugang zu Beratung, rechtlicher Unterstützung, psychologischer und medizinischer Versorgung, aber auch der Zugang zu finanzieller Sicherheit.

All diese strukturellen Nachteile begünstigen auf der einen Seite personale Gewalt und verschlimmern auf der anderen Seite auch ihre Auswirkungen. Die alltäglichen Einschränkungen, Abhängigkeiten, Diskriminierungen und Bevormundungen sind somit schon Formen struktureller Gewalt. Gleichzeitig erhöhen die strukturellen Gewaltformen auch die Gefahr, dass behinderte und/oder chronisch kranke Menschen noch weitere Formen von direkter und indirekter Gewalt erleben. Dieses System der Gewalt reicht von Ausgrenzung und fehlender Selbstbestimmung über Freiheitsentzug bis hin zum Mord.